COLOR FOTO, Ausgabe 7/2000, Seite 60 bis 63 | Stand www.compard.de 070700

Hellseher: Der SW-Infrarotfilm MACO IR 820c

Laubwerk glänzt strahlend hell vor einem nachtschwarzen Himmel.
Solche Ansichten ermöglicht nur ein SW-Infrarotfilm wie der MACO IR 820c, der noch einen anderen Vorteil hat: Dank seines glasklaren Basisträgers eignet er sich auch bestens für die Herstellung von SW-Dias.

Am Himmel droht finstere Nacht, aber Laubwerk schimmert weiß wie Seide im Mittagslicht. Aus Wiese wird Schnee, aus Wasser Blut, aus Ziegelstein blendender Marmor, Schatten jedoch versinken in abgründiger Schwärze. Es sind surreale Welten, die das Infrarot zaubert, aber nur der Film kann sie sehen, wenn er entsprechend sensibilisiert ist. Das Auge ist dafür blind. Das sichtbare Licht umfasst Wellenlängen von 400 um (blau) bis 700 um (rot); ein Nanometer (nm) entspricht einem millionstel Millimeter. Gelb liegt in der Mitte und erscheint uns am hellsten; in Richtung Blau und Rot dunkeln die Farben ab (Augenkurve), bis sie im Ultraviolett und Infrarot im Unsichtbaren verebben.

Die Spiegelung einer Kerze in der Glasvase verdeutlicht die Unterschiede in der Bildwiedergabe (von links): Pan-Film Agfa APX 100, Maco IR 820c und Kodak lnfrarot HS IE. Das Fehlen einer Lichthofschutzschicht bedingt beim Kodak-Film eine stärkere Überstrahlung, was man bei Maco, wenn gewünscht, durch dosierte Überbelichtung zum Teil auch erreichen kann. Beide IR-Filme wurden mit Dunkelrotfilter (Heliopan RG 665) belichtet.

     Der lnfrarotfilm zeigt, dass für die IR-Strahlung andere Reflexions- und Absorptionsverhältnisse gelten als für sichtbares Licht. Markantestes Beispiel ist der "Woodeffekt": Lebendes Blattgrün reflektiert IR-Licht fast hundertprozentig — der Film bringt's schwarz, der Abzug schneeweiß! “Totes” Grün kommt dunkel - so kann das Militär gegnerische Stellungen enttarnen oder der Biologe kranke Wälder erkennen. Porzellan wiederum, als “weiß” bekannt, schluckt viel IR-Strahlung und wirkt nun wie Blei. Dunst wird durchdrungen, gut für die Luftbildfotografie. Schwarze Tinte und viele Farbpigmente werden blass — so kann der Kunstexperte die Untermalung von Gemälden enthüllen! Der Nutzen des Infrarotfilms für die Wissenschaft in Ehren, uns aber begeistern die ungewöhnlichen Ansichten, die dieser Film der bildmäßigen Fotografie beschert.

MACO IR 820c
Kodak Infrarot HS IE
 
Der MACO IR 820c ist deutlich weniger körnig als der Kodak Infrarot HS IE. Die Vergleichsfotos sind 14-fache Vergrößerungen vom KB-Negativ.


     Neu am Markt ist jetzt der Maco IR 820c, kaum teurer als ein Profi-Farbfilm, zudem als KB-, Roll- und Planfilm erhältlich und wie ISO 100 / 21° zu belichten (Tageslicht ohne Filter). Als echter IR-Film ist er bis 820 nm sensibilisiert, dennoch vergleichsweise scharf und feinkörnig. Er besitzt eine Lichthofschutzschicht und einen glasklaren Basisträger, was durch das Kürzel “c” (wie clear) zum Ausdruck kommt. Das kennzeichnet ihn als Mitglied der aktuellen Filmfamilie von Maco, zu dem auch die in der vorigen Ausgabe vorgestellten SW-Filme ORT 25c und PO 100c gehören. Dank ihres glasklaren Trägers eignen sich diese Filme auch ganz hervorragend für die Umkehrentwicklung zum SW-Dia. So richtig Infrarot wird's bekanntlich erst jenseits von 750 nm; insofern hat der Maco nur einen Konkurrenten, den Kodak High Speed Infrared Film. Dieser reicht lässig bis 900 nm bei einer Empfindlichkeit von 20 DIN, besitzt einen maßhaltigen Estar-Träger und ist auch als Planfilm erhältlich. Allerdings hat der Kodak ein gröberes Korn und keinen Lichthofschutz. Das daraus resultierende stärkere Flirren und Überstrahlen stört zwar den Informationsfluß, hat aber hohen ästhetischen Reiz. Diesen Trimm kann man auch dem Maco IR 820c verpassen: saftiger entwickeln (Rodinal 1+25) und/oder überbelichten und härter vergrößern.
     Voller IR-Empfang hat seinen Preis: Die Filme von Kodak und Maco sind kühl zu lagern (unter 13 °C) und nach dem Belichten baldmöglichst zu entwickeln. Die Kamera muss man im Dunkeln laden (Wechselsack), denn Licht kann sich per Lichtleitereffekt durchs Kassettenmaul schmuggeln. Schwarze Folien, Dosen und Plastikkameras sind oft nicht infrarotsicher. Jobo gibt für seine aus Kunststoff gefertigten Entwicklungstanks allerdings eine Sicherheitsreserve bis 1300 nm an. Neben Maco und Kodak gibt es zwei weitere in Richtung Infrarot tendierende Filme, Ilford SFX 200 und Konica Infrared 750 nm, aber die sind pflegeleichter: Der Ilford ist eigentlich ein panchromatisch sensibilisierter Film mit erweitertem Rotbereich bis 740 um bei einer Empfindlichkeit von 24 DIN. Wenn das Licht stimmt — am besten wirkt die schräg stehende, rotlastige Abendsonne, bringt er guten Mondschein- und Woodeffekt (siehe COLOR FOTO 7/97). Konica-IR-Film reicht noch weiter ins Unsichtbare und hat das feinste Korn, seine 16 DIN Empfindlichkeit aber bringen ihn ins Abseits — mit Rotfilter hat er noch annähernd 10 DIN.

Abzug vom Farbnegativ
Ilford Delta 100
MACO IR 820c
Kodak Infrared HS IE
Farbwiedergabe: Nur natürliches Blattwerk (untere Bildpartie) wird von den IR-Filmen aufgehellt (Woodeffekt), künstliches (oberer Bildbereich) dagegen nicht. Beide IR-Filme wurden mit Heliopan RG 665 (dunkelrot) gefiltert. Zum Vergleich: Aufnahme auf panchromatischem SW-Film (Ilford Delta 100).

     Und ohne Filter kein Effekt! Die Schwärzung der Schicht durch sichtbares Licht “überfärbt” nämlich die Infrarot-Zeichnung. Besonders aktiv ist das Spektrum der kürzeren Wellen (Grundempfindlichkeit des Halogensilbers). Das Rotfilter dämpft es oder schneidet es ab. Die so genannten Schwarzfilter werden wohl nur Spezialisten brauchen. Für diesen Test verwendeten wir deshalb den Dunkelrotfilter RG665 von Heliopan. Dieser entspricht Kodaks Wratten-Filter Nr. 70, ist aber aus bestem Schott-Glas. Man kann gerade noch durchgucken, was durchaus ein Vorteil ist: Eine gewisse Dosis sichtbares Licht tut allen Infrarotfilmen gut, nicht nur dem Maco. Es bringt etwas Zeichnung in die Schatten und hilft beim Scharfstellen der SLR-Kamera: Man visiert etwas sehr Helles oder Blinkendes an und wählt zur Sicherheit eine kleinere Blende. Bitte beachten: Für Infrarot wird die Brennweite länger, das Objektiv muss vorrücken. Besitzt es keinen IR-Index, gilt für "Unendlich" das Verstellen nach der Formel f x 300 (in mm). Beispiel: f = 90 mm, scharf bei 90 x 300 = 27 000, man stellt also auf 27 Meter ein!

Welcher Filter für welchen Effekt?

 Farbe

 Nummer durchlässig ab Effekt

 Dunkelgelb

 12 500 nm verstärktes Himmelblau

 Orange

 22 550 nm markante Wolkenbildung

 Rot

 25 580 nm Mondscheineffekt, Dunstfilter

 Dunkelrot

 29 610 nm mit IR-Film auch Woodeffekt

 Sehr dunkles Rot

 70 660 nm mit IR-Film guter Woodeffekt

 IR-Filter schwarz

 88A 730 nm absobiert sichtbare Strahlung

 IR-Filter schwarz

 87 740 nm absobiert sichtbare Strahlung

 IR-Filter schwarz

 87C 800 nm absobiert sichtbare Strahlung
 Anmerkung: Die Filterbezeichnungen folgen der Nomenklatur von Kodak

Vor der Belichtung sollte man folgende Punkte bedenken:
Rotfilter bremsen IR-Licht nur wenig aus, gravierte Filterfaktoren sind ungültig, Werte individuell einzutesten. Das heißt: eine lange Blendenreihe in Richtung Plus und Minus, ausgehend von einer "Tageslicht"-Messung ohne Filter.
Die Filmempfindlichkeit für Infrarot ist nicht durch ISO- Werte festgelegt; es heißt zu belichten wie, wobei sich der Wert auf Tageslicht ohne Filter bezieht. Bei Glühlampen (höherer Rotanteil) steigt der Wert generell um 3 DIN.
Belichtungsmesser sehen genauso viel (oder so wenig) wie das Auge; es ist also falsch, durchs Filter zu messen.
Der Infrarot-Anteil am Tageslicht schwankt: Die tolle Szene vom Abend kann im blaulastigen Mittagslicht unterbelichtet sein. Beim Fotografieren vor Ort messen Sie die Szenerie ohne Filter, aber mit einer Empfindlichkeitseinstellung, die korrigiert nach dem Takt Ihrer DIN- bzw. Faktorentabelle ist. Dann schrauben Sie den Filter auf. Flankieren Sie die Aufnahme mit ein paar Blenden plus/minus! Für Ihre ersten Gehversuche mit Maco IR 820c können Sie von der Versuchsreihe im Kasten ausgehen.

     Über den Daumen gepeilt braucht der Infrarotfilm 30 Prozent mehr Entwicklung, 50 Prozent mehr Fixage und 1 00 Prozent mehr Wässerung. Ich startete beim Maco IR 820c mit Ilford ID- 11. Entwickelt wurde in der Stammlösung 10 Minuten bei 20 °C und 30-Sekunden-Kipprhythmus. Dies ergab auf Anhieb ausgezeichnete Negative. Alternativ zum ID- 11 kann man übrigens auch den praktisch identischen Kodak-Entwickler D-76 verwenden. Fast noch schöner aber kommt der Film in X-Tol von Kodak, Verdünnung 1:1. Bei der Fixage bitte nicht übertreiben: In LABOR PARTNER Schnellfixierer LP-FIX SUPRA, Verdünnung 1+7 braucht der Film zwei bis vier Minuten. Dabei gilt: Fixierzeit ist zweifache Klärzeit.


Der Maco IR 820c als Diafilm

Dank seines klaren Trägers liefert der Maco IR 820c auch schöne Diapositive. Umkehrsätze für Schwarzweiß werden von Tetenal und Kodak angeboten, wobei sich der Kodak-Entwickler durch "impfen" im Kontrast etwas anpassen lässt. Der Film durchläuft folgende Bäder: Erstentwickler, Bleicher, Klärbad, Zweitentwickler und Fixierer. Dazwischen wird jeweils kurz gewässert und (bei Tetenal) mit einer 100-Watt-Lampe zwischenbelichtet. Kritisch ist nur die Erstentwicklung: 18 Minuten bei 20 °C und 3-Sekunden-Kipprhythmus sind praktikable Werte. Der Rest der Nassbehandlung läuft etwa im Dreiminutentakt, aber es kommen satte 45 Minuten zusammen, und jedes Kit ist erst bei zwölf Filmen ausgenutzt. Dias kann man aber auch einfacher haben: Durch Umkopieren des Negtivs auf harten Dokufilm! Ideal ist MACOPHOT ORT 25c mit seinem ebenfalls klaren Träger. Man kann ihn etwa streifenweise bei Rotlicht im Kontaktkopierer 35 von Brenner belichten (siehe Ausgabe 4/2000, Seite 58) und in LABOR PARTNER Papierentwickler, Verdünnung 1+4 etwa 4 Minuten entwickeln. Extra-Vorteil: die Steuerung von Dichte und Kontrast! Diese Dias entwickeln neutralschwarz, im Gegensatz zu den Dias aus der Umkehrentwicklung: Die neu konzipierten und umweltfreundlicheren Bleicher auf Basis Kaliumpermanganat hinterlassen braunschwarze Resultate. Allerdings kann auch die Umkehrentwicklung einen Pluspunkt buchen: Man gewinnt zwei Blenden. Statt 15 DIN mit Rotfilter (Heliopan RG 665) können Sie nun aus freier Hand mit Einstellung auf 21 DIN fotografieren! Flankieren Sie den Schuss aber mit je einer Aufnahme bei 18 und 24 DIN.

    Die Wirkung einer lnfrarot-Aufnahme lässt sich im Labor erheblich verbessern, vor allem durch stufenweises Aufsteilen und Oberbelichten. Die Sensibilisierungskurve des KodakFilms beginnt im Grünbereich abzuschlaffen, wo sich die Ausläufer der natürlichen Empfindlichkeit des Silberhalogenids befinden. Aber das spielt keine Rolle, denn der ganze Bereich wird beim Fotografieren weg gefiltert. Im Rot legt sie wieder zu: Die künstliche Sensibilität springt an da, wo sie gebraucht wird. Der Maco IR 820c, so scheint es, ist sozusagen pansensibilisiert, mit angehängtem Infrarot-Gipfel. Dazwischen, im tiefen Rot, klafft eine Lücke. Dieses Rot könnte manch einer brauchen, je nach Rotfiltereinsatz. Dafür kann man mit Gewinn ohne Filter fotografieren: Die Rot-Grün-Trennung ist ausgezeichnet, vorausgesetzt, es handelt sich um lebendes Blattgrün!

Dieter Findeisen

 

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